Kirchenhistoriker Wolf in Wien: Geringe Reform-Erwartungen an Papst Leo

Wien, 5.11.2026 (KAP) Leo XIV. ist ein politisch klug agierender, jedoch kein Reform-Papst: Diese Bilanz nach den ersten eineinhalb Jahren des Pontifikats hat der Münsteraner Kirchenhistoriker Prof. Hubert Wolf bei einem Pressegespräch am Donnerstag in Wien gezogen: "Es ist politisch ein gutes Pontifikat, aber reformmäßig erwarte ich gar nichts." Das habe man bereits aus dem kurzen Konklave schließen können: "Man wollte offenbar keinen Liberalen, aber auch keinen konservativen Kandidaten" - es sollte niemand sein, der "vor den Kopf stößt". Nachsatz: "Immerhin soll Leo eine recht anständige Rückhand longline spielen", scherzte Wolf bei dem Pressegespräch, zu dem der Verband Katholischer Publizistinnen und Publizisten Österreichs gemeinsam mit der Kathpress geladen hatte.
Wolf hielt sich in Wien unter anderem deshalb auf, um an der dortigen "Akademie am Dom" über das Thema Kirchenreform aus kirchenhistorischer Sicht zu referieren. Tatsächlich habe die Kirchengeschichte im Blick auf Reformprozesse nämlich eine "doppelte Aufgabe": aufzuzeigen, dass es "alternative Modelle" gab, die man auch heute "wieder hervorholen" und "re-formieren im Sinne von 'reformare', zurückformen" kann - und zugleich aufzuzeigen, dass es immer wieder auch "Transformationsprozesse" und tatsächliche Neuerungen gegeben habe.
Beispiele gebe es etwa im Blick auf "heiße Eisen"-Themen wie die Diakoninnenweihe und den Zölibat. Kirchenhistorisch sei der Befund eindeutig, dass es über 1.000 Jahre Kirchengeschichte Diakoninnen gegeben habe. Sie seien gerade bei der Erwachsenentaufe wichtig gewesen, da Diakoninnen die Entkleidung und Taufe mit dem Untertauchen des gesamten Körpers bei Frauen vorgenommen hätten. Es spreche daher nichts dagegen, diese Weiheform auch heute wieder aufzugreifen.
Ähnlich sei es beim Zölibat: Erst mit dem Codex Iuris Canonici von 1917 sei festgeschrieben worden, dass Priester nicht verheiratet sein dürften. "Erst 1917 wurde die Möglichkeit, dass Verheiratete um die Weihe bitten können, versperrt. Vorher bedeutete Zölibat: Nur ein Geweihter darf nicht heiraten; aber nicht: ein Verheirateter darf nicht um die Weihe bitten." Es habe also zwei Modelle parallel gegeben; auch hier spreche aus kirchenhistorischer Sicht nichts dagegen, dieses zu "entstauben" und wieder zur Anwendung zu bringen.
Beispiele für wirkliche Reformen im Sinne von Neuerungen stellte indes der Wandel des kirchenamtlichen Verhältnisses zu den Menschenrechten dar: 1832 habe Papst Gregor XVI. in der Enzyklika "Mirari vos" die Gewissens- und Religionsfreiheit noch als "pestilenzialischen Irrtum" bezeichnet; eine Position, die Papst Pius XII. noch 1953 bekräftigte. Das Zweite Vatikanische Konzil habe dann jedoch in der Erklärung "Dignitatis humanae" (1965) die Religionsfreiheit ausdrücklich anerkannt. "Das war eine Reform im Sinne von Neu-Formierung", so Wolf.

Österreich bei Bittbriefe-Projekt "ein Riesenthema"
Ein weiteres Thema des Gesprächs war das von Wolf initiierte kirchenhistorische Langzeit-Forschungsprojekt "Asking the Pope for help", in dem es um zehntausende Bittbriefe europäischer Juden zur Zeit des Holocaust an Pius XII. (1876-1958) geht. In den Archiven seien hunderte Briefe speziell aus Österreich bzw. Wien aufgetaucht - was Österreich somit zu einem "Riesenthema" für das Projekt mache, so Wolf. Zudem spiele die 1940 von Kardinal Theodor Innitzer (1875-1955) im Wiener Erzbischöflichen Palais eingerichtete "Hilfsstelle für nichtarische Katholiken" eine große Rolle in den vatikanischen Aktenbeständen, in denen Wolf und sein Team seit 2020 forschen.
Als der Vatikan 2020 die Archive zur Amtszeit des Papstes öffnete, stießen Wolf und sein Team - eher zufällig - in sechs verschiedenen Archiven auf rund 10.000 Bittschreiben verängstigter europäischer Juden, die sich zwischen 1939 und 1945 an Papst und Kurie wandten und um Hilfe baten. Inzwischen wurde das Projekt mit einer 25-jährigen Laufzeit und 15,4 Millionen Euro-Dotierung weiterentwickelt.

Wichtige Rettungsinitiative Innitzers
Ziel des Projektes sei es nicht nur, den tausenden Menschen heute eine Stimme zu geben und auch die bis zu 80.000 in den Bittbriefen erwähnten Menschen biografisch in einer Datenbank zu erfassen, sondern auch, Entscheidungsprozesse und Verfahren am Heiligen Stuhl und in der Kurie in dieser Zeit zu verstehen. Schließlich wird Pius XII. immer wieder vorgeworfen, zur Vernichtung der Juden öffentlich geschwiegen zu haben. Hier könne das Projekt dazu beitragen, durch einen Blick speziell auch auf die kurialen Abläufe im Umgang mit den Bittbriefen zu einem differenzierteren Urteil zu kommen.
Österreich komme in dem Forschungsprojekt zudem hohe Relevanz zu im Blick auf das maßgeblich von Kardinal Innitzer betriebene "Brasilien-Aktion", führte Wolf weiter aus: Innitzer hatte gemeinsam mit dem damaligen Münchner Kardinal Michael von Faulhaber (München) Pius XII. darauf gedrängt, sich in Brasilien für Visa für jüdische Konvertiten ("nichtarische Katholiken") einzusetzen. 1939 sagte der brasilianische Präsident Getúlio Vargas formal 3.000 Visa zu - etwa 1.000 davon konnte der Heilige Stuhl direkt vergeben und so Menschen die Ausreise ermöglichen.
Am Donnerstagabend präsentierte Wolf das Projekt gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern am Wiener Schottengymnasium. Diese hatten sich mit der Biografie von Stefan Herz-Kestranek befasst, der selber einen Bittbrief an den Papst geschrieben hatte. Sein Sohn, der Schauspieler Miguel Herz-Kestranek, nahm ebenfalls an der Veranstaltung teil. Wolf zeigte sich beeindruckt vom Forschergeist und Engagement der Schülerinnen und Schüler: "So funktioniert Anti-Antisemitismus-Bildung am besten: über biografische und persönliche Zugänge."
Quelle: Kathpress
